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So extrem...

Aktualisiert: vor 6 Stunden

Diese Kolumne nimmt sie auf eine Reise an die Grenzen von Natur undGesellschaft. Ob Befindlichkeiten, Konsum oder Lebensstil – das Extremscheint zum Standard zu werden und widerspiegelt die alltäglicheMasslosigkeit der Gegenwart.


Ich gehöre zu den Menschen, welche die Sommerzeit im geliebten Zuhause im Kanton Basel-Stadt verbracht hat. Eine Zeit voller Ruhe, weniger Verkehr, weniger extremer Menschenansammlungen, dafür deutlich mehr erfüllenden persönlichen Begegnungen mit Freunden, Familie und Patienten, mehr Zeit für Haustier und Natur. Ah ja, Stichwort Natur: als Daheimgebliebene hat besonders beeindruckt, wie die extreme Trockenheit in der Region von Tag zu Tag sichtbarer wurde. Ein Extremsommer für die Natur. Extrem auch die Debatten, welche das Wetter ausgelöst hat. Diskussionen über Klimaanlagen und über alle diversen Befindlichkeiten zum Thema Raumklima, aber auch Ernüchterung anlässlich der Medienmitteilungen über einen Legionellenausbruch im Kleinbasel, welcher die Kühlanlagendebatte wieder in ein anderes Licht zu stellen vermochte.  


Bedrückend für mich waren im Sommer 2026 die zahlreichen Medienmitteilungen des Kantons zu Raubüberfällen, Körperverletzung und Diebstählen am heiterhellen Tag in Basel’s gepflegten oder zumindest gehegten Fussgängerzonen. Und diese Medienmitteilungen über kriminelle Vorfälle zeigen wahrscheinlich nur die Spitze des Eisberges auf, viel Kriminalität nehmen wir gar nicht wahr. Nur die Betroffenen hadern mit der ad Extremum gewachsenen Kriminalitätsrate im Stadtkanton und fühlen sich in Sachen Sicherheit im Stich gelassen. Viele Davongereiste haben vermutlich gar nicht viel mitbekommen vom Extremsommer in Basel. Gereist wird schliesslich auch extrem. Der Euro-Airport freute sich im letzten Jahr über einen Passagierrekord, derweil man sich fragt, was die Menschen zunehmend zur Langstreckenmobilität beflügelt. Haben wir eine Welle von Alltagsflüchtlingen? Oder ist es das Freizeitverhalten, welches immer extremere Züge annimmt?  


Schon fast gesellschaftlich geächtet ist, wer nicht ohne möglichst viel Material und Streckenaufwand vom Himmel gleitet, im Kajak durch Flüsse paddelt, mit Raketenschuhen über das Mittelmeer gleitet oder in Japan durch den bekannten trockenen Pulverschnee «Japow» Ski fährt. Was sollte man denn auch posten auf Instagramm, Facebook und Co, um Mitschüler, Arbeitskollegen oder die Oeffentlichkeit bei Interesse für die eigene Person zu halten? Vielleicht könnte man auch mit seinem Lifestyle auf sich aufmerksam machen? Mit Abbildungen von mehr oder eher wohl weniger natürlich gestählten oder gestalteten Körpern oder mit Einblicken in die eigene individuelle Ernährungsreligion?  Das neue mediale Schlagwort lautet unter anderem «Longevity» – erstrebenswerte Langlebigkeit bei erhaltener Vitalität. Eine Verlangsamung des biologischen Alterungsprozesses soll neue Lebensextreme ermöglichen. Welche Folgen allerdings Longevity auf die Demographie der Erdbevölkerung und damit auch auf natürliche Ressourcen hat, sei dahingestellt.  

 

Es dünkt, der Mensch zelebriere inzwischen einen gewissen Grössenwahn im Umgang mit Extremen. Einerseits werden Anstrengungen unternommen die Biologie des Menschen zu unterwandern, sei es im Alterungsprozess, in der Geschlechtsidentität oder auf Ebene Immunsystem und gleichzeitig wird politisch der Glauben bewirtschaftet, dass Veränderungen oder Bedrohungen der Natur mit geeigneten Massnahmen gelindert oder ausgemerzt werden könnten. Die Demut vor gegebenen Lebensfunktionen ist verloren gegangen. Um wieder auf den trockenen und heissen Extremsommer zurückzukommen, ich wurde im Dienst als Hausärztin während der vergangenen Wochen überdurchschnittlich häufig gerufen, um Todesbescheinigungen auszufüllen von Verstorbenen. Auch meine Schwiegermama ist nach einem lang erfüllten Leben während der vergangenen Hitzetage aus dem Leben geschieden. Die moderne Medizin hat die Lebenserwartung in den letzten Dekaden erfolgreich verbessert, gleichzeitig aber auch den vulnerablen Anteil der Bevölkerung vergrössert, welcher umso empfindlicher auf äussere Einflüsse mit dem unwiderruflichen Ende des Stoffwechsels reagiert. Die Vergänglichkeit relativiert das eigene Ego und es ist gut, dass es sie gibt. Alles andere wäre extrem. 

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