50 Grad Celsius! Das war wirklich mal wieder ein richtiger Sommer, − oder war es die Hölle?
Was war das für ein Sommer, jeden Tag knapp unter fünfzig Grad! Ja, Sie haben richtig gelesen, so heiss war es 1975 in Mitteleuropa, oder vielmehr: So heiss wäre es gewesen, wenn man damals bereits den Begriff der „gefühlten Temperatur“ gekannt hätte. Denn in dem Jahr, in dem Rudi Carell seinen Kassenschlager und Gassenhauer „Wann wird´ s mal wieder richtig Sommer?“ in die Hitparaden brachte, gab es Temperaturen, die nur knapp unter denen des Sommers, den wir ein halbes Jahrhundert später erlebten, blieben. Gefühlt wäre der Sommer, der dann in der deutschsprachigen Welt „Carells Sommer“ wurde, noch heisser, war es doch im Vorjahr 1974 ungewöhnlich nass und kalt gewesen. Aber, wie gesagt, den Begriff der „gefühlten Temperatur“ gab es noch nicht und deshalb freuten sich Millionen an dem schönen Wetter und niemand klagte unter unmenschlichen klimatischen Bedingungen oder, wie es neuerdings zum Standardbegriff der Meteorologie gehört, unter „Wüstentagen“ (ZDF).
Da Worte nicht nur Wirklichkeit beschreiben, sondern diese auch machen und prägen, kann dieselbe Realität, beispielsweise 37 Grad Celsius, einmal helle Freude und ein andermal Panik auslösen. Selbstverständlich brachte der Sommer vor einem halben Jahrhundert auch Probleme mit sich, wie sie vor allem auch damals die Landwirtschaft oder die Schifffahrt plagten: Ernteausfälle und Niedrigwasser. Heute sind solche Effekte noch weniger ein allgemeines Thema als damals: Das Wetter ist mittlerweile zum Kernthema der Nachrichtenportale geworden, kann locker jedem Krieg oder Korruptionsfall den Rang ablaufen. Dies ist aber nicht erst dann der Fall, wenn fernab von unseren gemässigten Breiten Menschen verdursten oder verhungern, sondern wenn Menschen in unseren Breiten, sich in die Wüste versetzt fühlen.
Vorbei sind die Zeiten, in denen galt „Alle reden vom Wetter. Wir nicht!“ Übrigens, dass dieser Slogan von der Deutschen Bundesbahn stammt und wohl sagen wollte, „Egal ob Sonne oder Schnee, wir sind pünktlich“, erscheint heute ebenso als ein Treppenwitz der Geschichte, wie die Tatsache, dass der Sozialistische Deutsche Studentenbund sich den Spruch des Staatskonzerns zwei Jahre später für den Auftakt seiner 68er Revolte auslieh.
Heute aber reden wirklich alle vom Wetter (und meinen häufig das Klima) und damit es dabei noch etwas zu reden gibt, bietet sich eben die Subjektivität der Objektivität an. Denn erst dadurch gibt es etwas zu reden: Über Objektives lässt sich ja nicht viel sagen: 37 Grad sind nun mal 37 Grad, − gefühlte 50 Grad, ja, die sind dann der Rede wert. Die Ersetzung der Objektivität durch die Subjektivität ist in der Infotainment-Zeit attraktiv. Die alte Regel des analogen Journalismus, „Bad News are Good News“ gilt natürlich auch im Klick-Journalismus. Deshalb wurde mit der gefühlten Temperatur der Quantensprung in der Wettervorhersage gefunden, der dem Wetter den Status des Sensationellen gab und ihm das Zeug verlieh, andere, wirklich wichtige Themen, auf der Agenda zu überholen.
Der schwedische Astronom Anders Celsius hätte sich über eine solche Bewertung der nach ihm benannten Temperaturmessung wohl gar nicht gefreut. Für ihn war die Sache eindeutig: Bei 100 C. friert das Wasser und bei 0 C. verdampft es. Dass man nach Celsius` Tod die Skala auf den Kopf stellte und in der heutigen Form misst, hätte er wohl achselzuckend zur Kenntnis genommen. Worauf es ihm ankam, war, Objektivität in die Temperaturmessung hineinzubekommen. Mit dem heutigen Einerlei hätte er dagegen wohl nichts anfangen können. Auch hätte Celsius kaum begriffen, dass es der Wettermessung neu darum gehen soll, anzugeben, wie es einem unter bestimmten Naturverhältnissen geht.
Es sieht nun nach einem gigantischen gesellschaftlichen Fortschritt aus, wenn jeder seine Befindlichkeit ausdrücken und sich damit aus dem vermeintlichen Korsett der Objektivität befreien kann. Eben diese Befreiung wird mittlerweile von vielen Menschen als Ausdruck des Liberalismus verstanden. Diese Verkehrung der Verhältnisse ist aber weitreichender als die von Carl Linné vorgenommene Umkehrung der Celsius-Skala. Wer Beliebigkeit mit Befreiung verwechselt, entzieht der wissenschaftlichen Objektivität die Grundlage, ohne dass die subjektiven Verhältnisse dadurch an Mehrwert gewinnen. Genau das aber liegt im Trend: Wer sich durch wohlbegründete Weltbeschreibungen in seiner Identität beeinträchtigt sieht und deshalb diese Beschreibungen über den Haufen wirft, ist damit nicht liberal, sondern orthodox.
Für den Liberalismus, der in unseren Tagen als Auslaufmodell gilt, stellen Objektivität und Subjektivität keinen Widerspruch dar. Das geht aber nur dann, wenn die beiden Sphären voneinander getrennt bleiben. Also: Wenn wir Aussagen über Wettertemperaturen machen wollen, sollten wir uns an Kriterien halten, die in Uppsala – wo Celsius wirkte – ebenso gelten, wie in Basel. Wenn wir wissen wollen, wie diese Temperaturen erlebt, d.h. gefühlt werden, macht es Sinn, dass Menschen ihre subjektive Befindlichkeit zum Ausdruck bringen.
In der vermeintlichen Humanisierung der Wissenschaft, die allen subjektiven Bedürfnissen angepasst wird, geraten letztlich beide unter Druck: Die Wissenschaft verliert ihre objektive Verbindlichkeit und die subjektive Befindlichkeit ihre Bedeutung. Auch über wissenschaftliche Aussagen und Erkenntnisse kann und muss diskutiert werden, sowie über subjektive Wahrnehmungen eben nicht diskutiert werden kann. Letztere gelten, aber eben nur als subjektive. Diese Trennung der Sphären ist auch und gerade für den Bereich der Subjektivität wichtig. Wird die subjektive Befindlichkeit – beispielsweise die gefühlte Temperatur – in den Bereich des Objektiven verschoben, dann ist das auch ein Angriff auf das Subjektive. Wenn ich nämlich die Temperatur dieser Hundstage als 55 C. fühle, weil ich in Folge Herzschwäche nur noch japsend auf der Coach liege, wird mir der Fernseh-Wetterfrosch erklären, dass ich mich irre und mir meine Gefühle absprechen, sind es doch nur 50 C.

