Neue Kernkraftwerke in der Schweiz: Was die ETH- und PSI-Studie wirklich sagt – und wo die Presse missverstanden hat
- Daniel Hieke

- 17. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 6 Stunden
Die ETH/PSI-Studie ist kein Plädoyer für oder gegen Kernenergie. Sie zeigt vielmehr: Unter den richtigen Rahmenbedingungen können neue Kernkraftwerke wirtschaftlich sinnvoll sein, Winterimporte verringern und das Energiesystem stabilisieren – ohne das Netto-Null-Ziel zu gefährden. Gleichzeitig ist ein Ausbau ohne neue Kernkraftwerke ebenfalls möglich. Ob die Schweiz neue Kernkraftwerke baut, hängt von politischen Entscheidungen ab – etwa zur Risikoteilung, zur Förderung und zu den tatsächlichen Baukosten. Die Studie liefert dafür eine fundierte, wissenschaftliche Grundlage statt simpler Schlagzeilen.
Die Studie:
Im Juni 2026 sorgte eine gemeinsame Studie der ETH Zürich und des Paul Scherrer Instituts (PSI) für Schlagzeilen: Neue Kernkraftwerke seien nur mit massiver Staatshilfe wirtschaftlich, andernfalls drohe ein finanzielles Fiasko. Doch die beteiligte Nuklear-Expertin, Frau Professor Annalisa Manera kritisiert diese Darstellung als einseitig und teilweise fehlerhaft. Die Studie sei eine nüchterne techno-ökonomische Analyse – keine Empfehlung pro oder contra Atomkraft. Die Studie: Fakten statt Ideologie.
Unter dem Titel „Nuclear Power and the Future Swiss Energy System: A Techno-Economic Modelling Analysis“ untersuchten 19 Energieexpertinnen und Experten von ETH Zürich und PSI, unter welchen Bedingungen neue Kernkraftwerke bis 2050 Teil eines kostenoptimalen, klimaneutralen Schweizer Stromsystems sein könnten. Grundlage waren vier unterschiedliche Energiemodelle, die den steigenden Strombedarf, das 45-TWh-Ausbauziel und das Netto-Null-Ziel berücksichtigen. Die Modelle vergleichen Szenarien mit und ohne neue Kernkraftwerke und berücksichtigen Unsicherheiten bei Kosten, Technologien und Rahmenbedingungen.
Wichtige Erkenntnisse der Studie:
Unter aktuellen Bedingungen (Subventionen vor allem für Erneuerbare, hohes Finanzierungsrisiko für Kernenergie mit ca. 8 % Kapitalkosten) sind neue Kernkraftwerke in den meisten Modellen nicht wettbewerbsfähig. Sie werden kaum oder gar nicht gebaut.
Das Netto-Null-Ziel ist auch ohne neue Kernkraftwerke erreichbar – dann vor allem mit Wasserkraft, starkem Photovoltaik-Ausbau (36–43 TWh), Wind, Biomasse, Speichern und Winterimporten.
Mit vergleichbarer staatlicher Unterstützung für Kernenergie wie für Erneuerbare plus Risikominderung (z. B. Kreditgarantien, die die Kapitalkosten auf 5 % senken) und realistischen Baukosten können neue KKW Teil des optimalen Mixes werden.
Bei Baukosten von bis zu ca. 8.000 CHF pro kW (realistisch im Vergleich zu Projekten wie OL-3 in Finnland oder Flamanville in Frankreich) sind in manchen Modellen 2–4,9 GW neue Kernkraft möglich.
Neue Kernkraftwerke würden die Winterimporte um 1–6 TWh reduzieren – aber nicht vollständig eliminieren.
Kernenergie ist kompatibel mit einem hohen Anteil an Erneuerbaren. Das System-Rückgrat bleibt Wasserkraft + Photovoltaik.
Wo die Presse die Studie fehlinterpretiert hat:
Viele Medien titelten ähnlich: „Neue Kernkraftwerke brauchen Staatshilfe“, „ETH warnt vor Milliarden-Debakel“ oder „Neue AKW nur mit staatlicher Unterstützung“.
Frau Professor Annalisa Manera (ETH Zürich / PSI) hat in Klarstellungen darauf hingewiesen, dass diese Berichterstattung wichtige Nuancen auslässt oder falsch darstellt.
Die häufigsten Missverständnisse:
„Die Studie sagt, Kernkraft braucht massiv Subventionen.“ Die Modelle zeigen lediglich: Unter der aktuellen asymmetrischen Förderung (Erneuerbare werden gefördert, Kernenergie nicht) lohnt sich der Neubau nicht. Mit gleichwertiger Unterstützung für Kernenergie sieht die Rechnung anders aus. Die Studie fordert keine „Milliarden-Subventionen“, sondern vergleichbare Rahmenbedingungen.
Falsche Darstellung der Kosten. Die genannten Baukosten von 5.000–12.000 CHF/kW sind Overnight Capital Costs – also reine Baukosten ohne Finanzierung. Die Modelle rechnen alle Kosten inklusive Zinsen ein. 8.000 CHF/kW gilt als realistisch, nicht als unrealistisch niedrig.
Importe falsch dargestellt. Auch mit neuen Kernkraftwerken bleiben Winterimporte nötig – genau wie heute. Ohne neue KKW wären die Importe jedoch höher. Die Studie sagt nicht „mit Atomkraft sind wir autark“.
Übertriebene Dramatik. Schlagzeilen von „Debakel“ oder „kaum rentabel“ suggerieren ein klares Nein. Die Studie ist bewusst neutral: Sie zeigt Bedingungen auf und überlässt die politische Entscheidung Gesellschaft und Politik.
Die richtigen Schlüsse:
Die Studie liefert keine einfachen Ja/Nein-Antworten, sondern klare Bedingungen:
Baukosten sind entscheidend. Bei deutlich höheren Kosten (z. B. 12.000 CHF/kW) lohnen sich neue KKW in den meisten Modellen nicht.
Politische Technologieoffenheit macht das System robuster: Wenn Kernenergie ähnlich behandelt wird wie Erneuerbare und das Risiko fair verteilt wird (z. B. durch Garantien oder staatliche Beteiligung als Investor), kann sie eine sinnvolle Ergänzung sein.
Effizienter Stromhandel mit dem Ausland bleibt in allen Szenarien essenziell.
Die Entscheidung für oder gegen neue Kernkraftwerke ist letztlich gesellschaftlich und politisch – nicht rein technisch-ökonomisch.
Frau Professor Manera und die Studienautoren betonen: Die Modelle vereinfachen die Realität und haben Unsicherheiten. Wo alle vier Modelle in dieselbe Richtung zeigen, sind die Erkenntnisse jedoch robust
Die Debatte um die Schweizer Energiezukunft bleibt spannend – und verdient differenzierte Informationen statt verkürzter Headlines.
Quellen & weiterführende Links
ETH-News: „Wann sich neue Kernkraftwerke in der Schweiz lohnen“ (Juni 2026)
Joint White Paper ETH Zürich & PSI (DOI: 10.3929/ethz-c-000801809)
Klarstellungen von Prof. Annalisa Manera (u. a. LinkedIn und geteilte Beiträge)
Pressemitteilungen von ETH Zürich und PSI

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